Die Zimmerer-Europameisterschaft 2008

Bei der Siegerehrung ist die Freude riesig. In der Einzelwertung hat Thomas Schleicher trotz Nachschnitt den 2. Platz gemacht. Thomas Zinßmeister folgt ihm auf Platz 4. Und auch das Team zusammen hat überzeugt: 2. Platz in der Mannschaftswertung. Deutschland ist Vize-Europameister. So gut war die deutsche Nationalmannschaft zuletzt im Jahr 2002.

Samstag, 30. August 2008. Punkt 16.15 Uhr ertönt in Halle 6 auf dem Klagenfurter Messegelände die große Glocke. Nichts geht mehr bei der 8. Europameisterschaft der Zimmerer. Das Werkzeug muss zur Seite gelegt werden. Die Zeit für den Bau eines anspruchsvollen Dachstuhlmodells ist vorbei. Auch wenn nicht alle Teilnehmer fertig geworden sind, macht sich Erleichterung breit.

Hinter den 17 jungen Gesellen aus sechs Ländern liegen anstrengende und aufregende EM-Tage in Österreich sowie eine fordernde Zeit der Vorbereitung. Der Sieger steht zwar noch nicht fest, aber schon jetzt ist klar, dass keiner diese Zeit missen möchte.

Auch Deutschland ist mit einer dreiköpfigen Nationalmannschaft auf der EM vertreten. Kaum ist der Wettkampf vorbei, lächeln Florian Braun, Thomas Schleicher und Thomas Zinßmeister wieder. Die Anspannung der letzten Stunden ist aus ihren Gesichtern gewichen. Die Drei haben alles gegeben, um das deutsche Zimmererhandwerk leistungsstark zu vertreten. Nun haben die internationalen Experten das Sagen. Jedes Modell wird vermessen und als Gesamtwerk begutachtet. Es geht um Millimeter, denn schon ein Millimeter zu viel oder zu wenig heißt Punktabzug. 

„Auf jeden Fall mitmachen" - so einhellige Meinung im Team

Die Europameisterschaft der Zimmerer wird seit 1994 alle zwei Jahre von der Europäischen Vereinigung des Holzbaus (EVH) veranstaltet und bildet den Abschluss der nationalen Berufswettbewerbe. Ziel ist es, auf die Ausbildungsleistungen des Zimmererhandwerks aufmerksam zu machen. Die deutschen Teilnehmer haben bis zur EM einen langen Weg der Qualifizierung hinter sich. Die Auswahl für die Nationalmannschaft beginnt auf Innungsebene mit der Abschlussprüfung zum Gesellen. Der Beste einer Innung nimmt am Kammerwettbewerb teil. Der Kammersieger hat die Chance, sich beim Landeswettbewerb zu beweisen. Die jeweils Besten eines Bundeslandes treten beim Bundesleistungswettbewerb gegeneinander an. Und die Besten der Bundesleistungswettbewerbe 2006 und 2007 konnten sich dann um einen Platz in der deutschen Nationalmannschaft für die EM in Klagenfurt bewerben, sofern sie zum Zeitpunkt des Wettbewerbs nicht älter als 23 Jahre alt sind und sich dem Wettbewerb stellen wollten.

Auf die Frage, ob sie eine Teilnahme bei der EM empfehlen können, kommt von allen spontan ein „auf jeden Fall“. Schon vor der Siegerehrung sind sich Florian Braun, Thomas Schleicher und Thomas Zinßmeister einig, dass sie „eine tolle und lehrreiche Zeit“ hatten. Fachlich wie persönlich. Das liegt auch am Engagement der Trainer. Roland Schumacher, Ausbildungsmeister im Zimmerer Ausbildungs Zentrum in Biberach, und Jens Volkmann, Ausbildungsmeister im Bundesbildungszentrum für das Zimmerer- und Ausbaugewerbe in Kassel haben auch viel gegeben, um „die Jungs“ fit zu machen. 

Dreidimensionale Vorstellungsvermögen ist als Zimmerer unabdingbar

Bei der Europameisterschaft sind die Trainer natürlich dabei, auch wenn sie als Zimmermeister nichts sagen dürfen. Hier geht es um die menschliche Ansprache. Sie müssen die Nerven beruhigen und sorgen dafür, dass „am Abend beim Essen einfach mal gelacht wird“, wie Jens Volkmann sagt.
Aber nicht nur die Trainer motivieren die Mannschaft.

Auch der Vorsitzende des Bundes Deutscher Zimmermeister, Ullrich Huth, ist zusammen mit dem BDZ-Geschäftsführer Rainer Kabelitz-Ciré zum „Anfeuern“ gekommen. Huth trägt selbstverständlich ein Mannschafts-Shirts und stellt nach einem Blick auf die Aufgabe fest:„Die hat es in sich!“.

Bei Berufswettbewerben sind komplexe Dachstuhlmodelle zu bauen, wobei ganz klassisch auf einem Zeichenboden ein Aufriss im Maßstab 1:1 gemacht wird. In der Betriebspraxis übernehmen überwiegend moderne CAD-Programme diese Aufgaben, Schiften nach der Flächenmethode bleibt ein wichtiges Thema in der Ausbildung. „Aber auch die besten CAD-Programme kann man nur bedienen, wenn man das dreidimensionale Vorstellungsvermögen hat und weiß, wie man einen zeichnerischen Aufriss ausarbeitet und diesen auf die abzubindenden Balken und Binder übertragen muss“, erklärt Roland Bernardi, Holzbauunternehmer aus dem Saarland, Teamleiter der deutschen Nationalmannschaft und Vertreter des BDZ in der internationalen Jury.

Nachwuchsförderung

„Wir müssen unseren Nachwuchs fordern und fördern“, sagt BDZ-Vorsitzender Huth am Rande der EM. „Die Jungs nehmen von der Europameisterschaft viele Erfahrungen mit und sind anschließend für die Arbeit im Holzbaubetrieb gut gerüstet. Junge Gesellen wie Thomas Schleicher, Thomas Zinßmeister und Florian Braun sind die Zukunft des Holzbaus in Deutschland!“

Aus diesem Grund haben auch die Leistungspartner des Zimmererhandwerks die deutsche Nationalmannschaft erstmals unterstützt. Dadurch waren in diesem Jahr deutlich mehr und intensivere Trainings möglich. Das letzte Training fand zwei Wochen vor der EM im Bundesbildungszentrum für das Zimmerer- und Ausbaugewerbe in Kassel statt. Unter Aufsicht und Anleitung von Jens Volkmann wurde die Wettbewerbsaufgabe der EM 2006 gebaut. Zuvor erläuterte Teamleiter Roland Bernardi die Regeln beim Wettbewerb und sagte mehr als einmal: „Ihr werdet aufgeregt sein, aber behaltet einen kühlen Kopf. Die ersten Maße sind am wichtigsten, sonst ziehen sich die Fehler durch das ganze Modell“.

Ein spannender Wettbewerb zieht auch Fans an

Und dann wird in Klagenfurt gerechnet, gemessen, gesägt und am Ende zusammengebaut. Hat sich das Engagement aller Beteiligten ausgezahlt? Die Jungs geben auf jeden Fall „ihr Bestes“, wie Roland Schumacher erklärt. Auch wenn jeder mit individuellen Problemen kämpft. Florian Braun hat ein geschwollenes Auge und muss augenärztlich behandelt werden. Thomas Zinßmeister fängt erst am dritten Wettbewerbstag mit dem Sägen an und fordert bis dahin seine zuschauenden Trainer. Denn die fragen sich mehr als einmal, ob Zinßmeister noch ausreichend Zeit für das Zusammenbauen haben wird. Thomas Schleicher dagegen liegt mehr als gut in der Zeit, bis ein Holz „einfach nicht passt“. Er beantragt neues Holz, muss nachsägen und hat somit zwei wertvolle Punkte auf der Strecke gelassen.

Es ist spannend in Klagenfurt und die Spannung erfasst auch Stefan Müller, Geschäftsführer der Pavatex GmbH aus Leutkirch. Sein Unternehmen ist Mitglied bei den Leistungspartnern und mit einem Stand auf der Holzmesse vertreten. Müller wird zum Fan der deutschen Jungs, schaut immer mal wieder zu und fiebert bis zum Schluss mit. Sein Fazit: „Das deutsche Team bot eine starke Leistung!“ 

"Sponsoring hat sich gelohnt!"

Bei der Siegerehrung am Sonntag ist die Freude dann riesig. In der Einzelwertung hat Thomas Schleicher trotz Nachschnitt den 2. Platz gemacht. Thomas Zinßmeister folgt ihm auf Platz 4. Und auch das Team zusammen hat überzeugt: 2. Platz in der Mannschaftswertung. Deutschland ist Vize-Europameister. So gut war die deutsche Nationalmannschaft zuletzt im Jahr 2002.

„Es hat sich gelohnt“, so Matthias Krauss, Sprecher der Industrie im Beirat der Leistungspartner des Zimmererhandwerks und Vorstandsvorsitzender der Mafell AG, als er der deutschen Mannschaft gratuliert. „Ich wünsche diesen, unseren super Zimmermännern alles Gute für ihren weiteren beruflichen Werdegang im schönen Zimmererhandwerk“. 

Mit der Überreichung eines Holzpokals geht die EM zu Ende. Die jungen Zimmerergesellen kehren nun in den Alltag ihrer Holzbaubetriebe zurück – bereichert um fachliche wie menschliche Erfahrungen.

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